Meine Tonkanesen

Als ich acht Jahre alt war, wurde ich eine Woche bei einer Tante meiner Mutter einquartiert. Ich kannte sie kaum und war entsprechend ängstlich und schüchtern. Mit dem Betreten des Wohnzimmers bemerkte ich aber sofort strahlend blaue Augen, die mich aus einem blaugrauen Gesicht mit dunklerer Zeichnung anstrahlten. Das war Lilly, die Tonkanesin meiner Großtante, und ich hatte für eine Woche eine fellige Freundin.

Meine erste Katze Lilly

Lilly war schon ein älteres Tier, das bei einer älteren Frau wohnte, also wenig zum Spielen aufgelegt. Aber in ihrer bestimmenden Art hatte sie mich schnell um den Finger gewickelt. Sobald meine Großtante mich aus ihrer Aufmerksamkeit verlor, nutzte Lilly die Gelegenheit, um mir zu zeigen, wo ihre Knabbersachen und ihr Napf standen, damit ich diesen entsprechend füllen konnte. Sie führte mich zu ihrem Lieblingsplatz, auf den ich mich dann setzen und sie, auf meinem Schoß sitzend, streicheln durfte. Am Ende meines Aufenthalts bei meiner Großtante erlaubte mir Lilly sogar, sie zu bürsten.

Leider verstarb meine Großtante, bevor ich die nächsten Ferien bei ihr verbringen konnte. Aber ich schaffte es, meine Mutter zu überzeugen, dass Lilly bei uns am besten aufgehoben sei, und so erbten wir die Tonkanesin, die noch ein paar schöne Jahre bei und mit uns verleben durfte.

So hatte ich Lilly immer in meiner Nähe. Sie hatte eine blaue Fellfärbung und blaue Augen, etwas dunklere Points und dunkle Pfoten. In meinen Träumen erschien sie mir immer mit einem Diadem auf dem Kopf. Wir hatten eine besondere Beziehung zueinander. Mittags wartete Lilly in der Nähe der Wohnungstür darauf, dass ich nach Hause kam und als erstes sie begrüßte. Spielte ich in meinem Zimmer, lag sie auf meinem Bett und beobachtete mich. Verbrachte sie ihre Nachmittage einmal anders und schlief lieber auf dem Sofa im Wohnzimmer, zog es mich schnell in ihre Nähe.

Je älter Lilly wurde, desto dünner wurde sie. In ihren letzten Lebensmonaten war sie blind und taub, aber sie blieb ruhig dabei und majestätisch. Sie hatte großes Vertrauen zu uns, was sich auch darin zeigte, dass sie sich nie erschreckte, wenn wir sie anfasste oder hochhoben. Eines Morgens lag sie ohne Regung am Fußende meines Bettes. Sie war einfach in der Nacht gegangen.

Sir Richard

Kennen Sie das? Hat man einmal eine Katze, hat man immer eine Katze. Ungefähr ein halbes Jahr, nachdem Lilly gestorben war, brachte meine Mutter das Gespräch auf einen Kater, dessen Besitzer ihn abgeben wollten, weil sie sich nicht mehr genügend um ihn kümmern konnten. Wie Lilly war er ein Tonkanese und Wohnungshaltung gewöhnt. Er war kastriert. Ich war zuerst skeptisch, denn ich hatte sehr an Lilly gehangen und empfand es fast als Verrat, nun einer anderen Katze Obdach zu gewähren. Meine Mutter setzte sich glücklicherweise über meine Bedenken hinweg und holte Sir Richard.

Er hatte auch diesen selbstständigen und selbstbewussten Charakter, der die Tonkanesen auszeichnet. Aber er war absolut nicht ausgelastet. Schließlich war er mit seinen ungefähr fünf Jahren im besten Kater-Alter. Nach kurzer Zeit war klar, dass ihm meine Pflege und Zuneigung nicht reichte, er musste einen Katzenfreund oder eine Katzenfreundin haben. Dieses Mal machte ich mich auf die Suche. Ich schaffte es, einen Tonkanesen-Züchter ausfindig zu machen und überredete meine Eltern dazu, ihn zu besuchen. Wir bekamen von ihm wertvolle Tipps und eine Führung durch sein Haus, in dem er zehn Tonkanesen hielt, zwei Katzen, einen Kater und sieben Katzenwelpen. Eins sah mich mit dem Ausdruck an, den ich von Lilly kannte und so vermisste. So kam Fräulein Lina zu uns, die sich zu einem Ebenbild von Lilly entwickelte.

Und heute?

Fräulein Lina kam mit mir, als ich bei meinen Eltern auszog. Sir Richard war im Jahr davor gestorben. Nach Lina hatte ich stets mindestens zwei Tonkanesen. Zurzeit habe ich vier: Sally, Peta, Fabienne und Maya.